|
Lehren, lernen und evaluieren mit Portfolios (Akademisches Gymnasium Innsbruck)InhaltsverzeichnisAllgemeine Merkmale der Arbeit mit Portfolios am AGI - Ein Portfolio ist ein Lern- und (Selbst-)Bewertungsinstrument.
- Alle unserer Portfolio-Varianten basieren auf drei allgemein anerkannten Merkmalen:
- Die Lernenden wählen bedeutsame Belegstücke ihrer Leistung aus (z.B. Texte, Arbeitsblätter, Einträge aus Logbüchern oder Ähnliches), präsentieren diese im Portfolio und stellen damit ihre Leistungsfähigkeit unter Beweis.
- Diese Belegstücke des Lernens werden von ihnen selbst kritisch reflektiert.
- Die Lernenden bewerten ihre Leistung selbst (Selbstbewertung).
- Für jedes unserer Portfoliomodelle gilt darüber hinaus, dass
- die Lernenden im Portfolio aus ihrer Sicht eigene Lernziele für die Zukunft formulieren. Darauf nehmen sie im Portfolio des Folgesemesters Bezug oder entwickeln und diskutieren das gemeinsam mit ihren Lehrern.
- das so bearbeitete Portfolio anschließend zur Bewertung den Lehrenden vorgelegt wird (Fremdbewertung), aber weiterhin "Eigentum" der Lernenden bleibt.
- Zudem gibt es jeweils modellspezifische Besonderheiten. Beschrieben werden im Folgenden exemplarisch die Englischportfolios als Fachportfolios sowie die Netzfolios.
Englischportfolios im Gymnasialzweig, Sekundarstufe 2 (Schulversuch seit 2000/01) - Inhalte von Englischportfolios sind z.B. überarbeitete Texte; mündliche Leistungen, sprachliche Übungen, eigene Lektüre; auch Außerschulisches, das das Lernen maßgeblich beeinflusst hat wie Dokumentation von Auslandsaufenthalten, Nutzung von online-Grammatiktrainings, Internet-Recherchen zu Unterrichts unabhängigen Themen.
- Für die Auswahl der Belegstücke durch die Schüler definieren wir einen Rahmen. Jeder Schüler belegt seine aktuelle Leistung durch jeweils ein bewusst gewähltes, kritisch reflektiertes und selbst bewertetes Belegstück aus jedem der folgenden Bereiche: Lesen, Schreiben, Themenzentrierte Arbeit, Sprache/Wortschatz sowie Mündliches.
- Diese im Minimum fünf Belegstücke werden durch einen sogenannten "
cover letter", einen Begleitbrief an den Leser des Portfolios (in der Regel Lehrer, ggf. aber auch Eltern, Mitschüler u.a.), miteinander verbunden. - Die Schüler erstellen ein Portfolio pro Halbjahr. Im gleichen Zeitraum wird nur noch eine Klassenarbeit geschrieben.
- Dieser Stellenwert der Portfolios wird durch folgende Gewichtung untermauert: 50% der Semester- oder Jahresnote entfallen auf das Portfolio, 25 % ergeben die verbleibende Klassenarbeit und 25% die mündliche Leistung sowie die Beteiligung am Unterricht.
- Die Bewertung des Portfolios erfolgt durch einen
Bewertungsbogen und einen persönlichen Feedback-Brief. - Der
Bewertungsbogen ist den Schülern bekannt und von ihnen akzeptiert. Er weist Bewertungskriterien (Requirements) sowie die jeweils zugeordnete Punktzahl (Points) aus. Er wird zur Fremdbewertung durch den Lehrer und ggf. auch durch eine Schülergruppe sowie zur Selbstbewertung genutzt. - Durch intensiven Austausch zwischen Lehrenden und Lernenden (z.B. als
Feedback-Brief, mündlich als Gruppendiskussion oder in Einzelgesprächen) werden sowohl Auswahl- als auch Bewertungskriterien bei Bedarf modifiziert und den Gegebenheiten im Unterricht angepasst. - Der Unterricht ist sehr offen strukturiert, schülerzentriert und so organisiert, dass auch individuell Themen, Lektüre oder Arbeitsformen gewählt werden können.
- Seit Schuljahr 2002/03 werden Portfolios auch bei der Reifeprüfung (Matura/Abitur) eingesetzt - bei der Klausur wie bei den mündlichen Prüfungen.
Fächerverbindende Portfolios (Netzfolios) in NW-Klassen der Sekundarstufe 1 - In den NW-Klassen" liegt der Schwerpunkt des Unterrichts auf fächerübergreifendem, vernetztem und sozialem Lernen.
- Die Unterrichtsarbeit in den Schulstufen 5 und 6 wird zu Beginn des Halbjahres durch ein zwei- bis dreimaliges vormittägliches Methodentraining eingeleitet. Dafür wurde in den Jahrgangsteams ein Grundprogramm mit dazu gehörigen Materialien entwickelt, das sich an H. Klippert u.a. orientiert. Darauf kann von den Kollegen je nach Bedarf zurückgegriffen werden. In den nachfolgenden Schulstufen werden - bedarfsbezogen und an dem Können der jeweiligen Klasse orientiert - besondere Arbeits- und Lerntechniken trainiert.
- Die Schüler der Schulstufen 5 - 8 erstellen am Ende jedes Semesters sogenannte Netzfolios, die jedoch keine Klassenarbeiten ersetzen. Darin zeigen sie, welche inhaltlichen Verbindungen sie im angebotenen Lehrstoff zwischen den einzelnen von ihnen benannten Fächern selbst erkennen und herstellen und was sie von den neu erarbeiteten methodischen, sozialen und personalen Kompetenzen in diesen selbst erkannten Zusammenhängen anzuwenden in der Lage waren.
- Die Arbeit mit Netzfolios in den NW-Klassen erfordert von den Lehrenden eine enge Kooperation hinsichtlich der Inhalte, der Organisation des fächerübergreifenden Unterrichtsansatzes und der Bewertung. Deshalb arbeiten die beteiligten Kollegen im Team. Diese Teams bilden sich für die erste der beteiligten Jahrgangsstufen und bleiben im Wesentlichen bis zur Schulabschlussklasse konstant.
- Die Lehrenden planen auf der Grundlage der Lehrpläne für jeweils ein Schuljahr in vier bis sechs thematischen Einheiten (z.B. "Weltreise", "Körper und Kosmos", "Aufbrüche"), was welches Fach zu einem bestimmten Thema beitragen kann und wie sich die Fach-Beiträge vernetzen lassen. Meist beteiligen sich die Lehrer aller Fächer, im Minimum sind aber sechs Fächer vertreten. So wurden beispielsweise zum Thema "Aufbrüche" in Deutsch (und Religion) Flüchtlingsbücher gelesen und Biographien bedeutender Physiker, Geographen, Biologen oder Entdecker verfasst, deren Leistungen bahnbrechende Aufbrüche bedeutet haben. Die einzelnen Fächer lieferten dazu Hintergrundmaterial und halfen bei der inhaltlichen Bearbeitung dieser Lebensläufe. In Englisch wurde das Thema Auswanderung am Beispiel der Immigration nach Ellis Island (USA) verstärkt.
- Ist eine inhaltliche und organisatorische Einigung zur Zusammenarbeit im Lehrerteam erreicht, geben die beteiligten Fachkollegen aus ihrem Fach jeweils mindestens eine Unterrichtsstunde in einen Freiarbeitspool ab, der den Schülern offenes Arbeiten (Freiarbeit) von mindestens 6 Wochenstunden ermöglicht.
- Wie die Planungsarbeit teilt sich das Team auch die Bewertungsarbeit der Netzfolios. Im Durchschnitt bewertet jeder Lehrer drei bis vier Netzfolios, wodurch sich die Arbeitsbelastung erheblich reduziert. Dies geschieht in Form von Rückmeldungen an die Schüler z.B. durch Feedbackbriefe. Diese Rückmeldungen orientieren sich an Kriterien für eine gute fächerübergreifende Portfolioarbeit (
Kriterien Netzfoliobewertung). - Den Abschluss jeder thematischen Arbeitseinheit bildet zweimal pro Halbjahr eine Präsentations- oder Reflexionsphase.
- Während der Freiarbeitsstunden durchforsten die Schüler entlang der erarbeiteten Themenbereiche ihre verschiedenen Fachmappen und -hefte nach geeigneten Belegstücken ihrer Leistung. Für diese reflektierte Rückschau erhalten sie eine Arbeitsanweisung (
Arbeitsanweisung Netzfolio). - Zur Erstellung ihres fächerverbindenden Netzfolios entscheiden sich die Schüler für eines der im Semester behandelten zwei bis drei Themen. Kriterien für die Auswahl der Belegstücke für das Netzfolio bilden die fünf Dimensionen (Wissen, Verstehen, Handeln, Person und Gruppe) des erweiterter Lernbegriffs nach Schratz/Weiser (2002) (vgl.
Arbeitsanweisung Netzfolio). Pro Dimension entscheiden sie sich dann unabhängig vom Fachzusammenhang für mindestens ein Belegstück. - Die Lernenden sind herausgefordert, ihre Arbeitssammlung zu reflektieren, die Auswahl klar und nachvollziehbar zu begründen und zu kommentieren (
Reflexion) und die Leser ihres Netzfolios durch eine gute Auswahl zu überzeugen. Dafür legen sie u.a. dar, wofür das Belegstück steht, welche Leistung es repräsentiert, welche Stärken und Schwächen der Schüler selbst erkannt hat ( Briefe zu Netzfolios). - Eine (mehr oder weniger öffentliche) Präsentation der Netzfolios - meist werden andere Klassen dazu eingeladen - z.B. in Marktform oder als mündliche Präsentation in einer Kleingruppe oder im Plenum gibt den nötigen zeitlichen und räumlichen Rahmen, damit sich auch Schüler untereinander Rückmeldungen geben können. Dazu nutzen sie z.B. Feedback-Briefe, mündliche Feedbacks oder angepinnte Merkzettelchen ("post its").
Evaluation und Weiterentwicklung der Portfolios und der Portfolio-Arbeit - Portfolios sind auch wichtige Evaluationsinstrumente für die Lehrenden selbst, da sie wertvolle Rückmeldungen zur Gestaltung des jeweiligen Unterrichts liefern. Wir laden die Lernenden in regelmäßigen Reflexionen durch offene Evaluationsfragen ein, uns diesen geänderten Handlungsbedarf mitzuteilen (Was lief gut? Was? Wer? Wie ... hat konkret geholfen? Was war leicht/schwer? Wie beurteile ich mich selbst? Was brauche ich jetzt? Welche aktuellen Lernbedürfnisse habe ich? Was muss verändert werden?).
|
SUCHE
Hier können Sie den gesamten Bausteintext als pdf-Dokument herunterladen und ansehen: LehrenLernenEval.pdf |