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Lehren, lernen und evaluieren mit Portfolios (Akademisches Gymnasium Innsbruck)

Inhaltsverzeichnis

4. Zwischenbilanz

Die starke Präsenz traditioneller Leistungsfeststellung "in den Köpfen" von Lehrenden, Lernenden und Eltern erwies sich als die größte Hürde. Zu den heikelsten Aspekten zählten anfangs Skepsis und Zweifel von Kollegen, Eltern, Schülern ob der Sinnhaftigkeit oder Umsetzbarkeit des Modells im österreichischen Schulkontext. Dies musste in einem langsamen Prozess der Reflexion, Information und Überzeugungsarbeit überwunden werden. Besonders wichtig war es, dass die Initiativen zwar aus dem Kollegium kamen und von der Schulleitung wohlwollend unterstützt wurden, dass aber über die erforderliche Zwei-Drittel-Mehrheit der jeweiligen Beteiligtengruppen die Freiwilligkeit immer gewahrt wurde. Die Erprobungsmöglichkeit in einem offiziell genehmigten Schulversuch war sehr hilfreich. Aufgrund der positiven Erfahrungen konnten Zweifel mittlerweile soweit behoben werden, dass weitere Kollegen und Klassen sich nun mit diesem Instrument vertraut machen. Die Portfolio-Variante "Netzfolio" wird nun im Schuljahr 2003/04 in vier von sechs NW-Klassen in der Sekundarstufe 1 durchgeführt. Bei den Lehrenden gibt es wegen der Voraussetzungen der Arbeit mit dem Netzfolio - für ihre bisherige Arbeitsweise noch eher ungewohnt waren u.a. Teamarbeit, Einigung auf Bewertungskriterien - noch gelegentlich Bedenken.

Ein großer Erfolg war, dass die erste Schulversuchsklasse im Fach Englisch am Schulzweig der gymnasialen Klassen mit dem Einsatz des Fachportfolios bei der Reifeprüfung 2003 die gymnasiale Ausbildung abgeschlossen hat und weitere Klassen folgen werden.

Die Arbeit mit Portfolios erfordert einen Paradigmenwechsel, da nicht mehr nur Lehrende für die Planung, Durchführung und Bewertung von Unterricht zuständig sind, sondern auch Lernende in alle diese Phasen eingebunden werden und für ihren Lernprozess selbstverantwortlich agieren. Die Sachkenntnis bezüglich der Inhalte, über die die Schüler verfügen, bleibt in etwa vergleichbar mit Ergebnissen aus anderen Unterrichtsformen. Doch die Schüler profitieren erheblich in den anderen Kompetenzbereichen. Sie lernen im Team zu arbeiten, ihre Leistung zu präsentieren, eigene Leistung zu bewerten und Mitschülern Leistungsrückmeldungen zu geben. Das führt dazu, dass sie Lerndefizite und Lernerfolge selbst erkennen und gezielt bearbeiten. Sie reflektieren ihre Lern- und Arbeitsstrategien, treffen eine begründete Auswahl aus ihren Arbeiten und formulieren eigene Lernziele für die Zukunft. Sie können inhaltliche, fachliche und methodische Vernetzungen in ihrem Lernen erkennen. Damit all dies gelingen kann, müssen Verantwortlichkeiten und Rollen zwischen Lehrenden und Lernenden immer neu diskutiert werden. Die Rolle der Lehrenden hat sich verändert. Sie werden eher zum Lernbeobachter und Lernbegleiter ("facilitator") von Lernprozessen. Leistungsstandards und Rahmenbedingungen werden gemeinsam mit Lernenden verhandelt - und zwar jeweils von neuem mit jeder Lerngruppe: z.B. Auswahlrahmen von Text- und Lesearbeit; Priorität von Themen; Einsatz von Methoden, Lehr- und Lernstrategien; Transparenz von Bewertungskriterien; Zeitmanagement; Entwicklung autonomen Lernens. So bleibt Unterricht sehr nah an den jeweiligen Bedürfnissen der Lernenden. Lehrende erhalten wertvolle Rückmeldungen über Gelungenes und Fehlerhaftes im Unterricht. Sie können dadurch die eigene Arbeit evaluieren, so dass daraus - bei entsprechender Flexibilität der Lehrenden - eine wesentliche Verbesserung des weiteren Unterrichts erreicht werden kann.

Portfolioarbeit ermöglicht eine stärkere Verbindung von Lehren, Lernen und Bewerten. Ein Portfolio ist als ein "dynamisches" Lerninstrumentarium zu sehen, d.h. es kann (und sollte) immer wieder an einen neu erkannten Bedarf angepasst werden. Bei der Arbeit mit Portfolios zeigen sich individuell besondere Lernhemmnisse und Defizite, auf die dann im nachfolgenden Unterricht genauer eingegangen werden kann. Fallbeispiele: Eine Schülerin, die Englisch "hasste", veränderte durch Reflexion dieses ‚beliefs' die Grundhaltung zum Lernen und wurde dadurch erst leistungsfähig. Eine starke Legastenie-Schwäche eines Schülers konnte dieser durch intensive Schreibarbeit im Portfolio (z.B. Textüberarbeitungen, Reflexionen, Verbindung von Lesen und Schreiben) erfolgreich bekämpfen. Förderlich für diese neue Rolle der Lehrenden ist eine wertschätzende Grundhaltung gegenüber den Lernenden. Die Autorität, die Lernenden durch die intensive Beteiligung an Auswahl und Gestaltung ihrer Portfolios zugestanden wird, wirkt ungeheuer motivierend für die weitere Lernarbeit. (Wie viel Identifikation, Selbstwertschätzung und auch Vertrauensvorschuss an den Lehrenden damit für die Lernenden verbunden sein kann - und welche Verantwortung den Lehrenden für Lernprozesse daraus erwächst - zeigt z.B.  Cover letter). Das Selbstwertgefühl wird gestärkt, da Portfolios die persönlichen Stärken betonen. Für die lernfördernde Wirkung von Portfolios entscheidend ist, dass Lehrende grundsätzlich stark auf die Leistungswilligkeit und Leistungsfähigkeit der Lernenden vertrauen, auch wenn dies bei einigen Schülern lange dauern kann.

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